Kurzweil bloggt: Ringe mit Haken

Was haben die World Games mit Berlins Rebranding zu tun? Nichts. Und alles. Jan Kratochvil bloggt.

Was sind wir wert?

Frisch, clean und mit Glossy-Effekt. Wir haben uns hübsch gemacht. Logo, Farben, Schrift, alles für die Botschaft, alles für den Markenkern. Was muss, das muss. Aber eigentlich ist es ja eine ganz nette Sache und wichtig ist sie auch. Die Corporate Identity als Rahmen sämtlicher Kommunikation, grundlegend für jegliche Relevanz gegenüber Ämtern, Sponsoren, Medien, anderen Anstalten, ja sogar eigenen Mitgliedern. Sie gefällt. Ein erster Schritt von vielen.

Jetzt ist die neue Sponsoringmappe dran. Auch sie wird hübsch aussehen, ebenso frisch, ebenso clean und ebenso glossy. Sie wird auf Recyclingpapier erklären, wie leidenschaftlich und dynamisch und modern und sympathisch unser Verein ist. Einfachste Wortakrobatik. Als es aber darum geht, zu erklären, was ein potenzieller Sponsor für sein Geld eigentlich bekommt, gerät man ins Stocken. Zumindest wenn man sich ehrlich gibt.

Sofern er kein Wohltäter ist, will ein Sponsor für sein Geld eigentlich nur eines… noch mehr Geld. Und das bekommt er nur dann, wenn er über ein solches Sponsoring neue Kunden gewinnt. Entweder weil er so mehr von ihnen erreicht (hier hält sich die Reichweite unserer Sportart leider in Grenzen) oder durch einen so genannten Imagetransfer, also durch eine Abfärbung unserer positiven Eigenschaften auf sein Unternehmen. Das kann dazu führen, dass interessierte zu entschlossenen Kunden werden.

Für Floorball steckt genau hier das große Potenzial. Also schlage ich in die Tasten. Gleich neben der Pressestimme der FAZ über den (noch immer) „schlafenden Riesen“ steht jetzt geschrieben, „Wir sind nicht Fußball… und das ist auch gut so. Keine Korruption, kein Doping, keine Diven und keine überambitionierten Eltern. Bei uns ist Sport noch Sport.“ Soweit so gut.

World Games. Und dann?

Während ich Textkästen über den Bildschirm ziehe, starten gerade mal 350 km von meinem Schreibtisch entfernt, im polnischen Wroclaw, die World Games. Ein unverzichtbares Sprungbrett für Olympia, wie es heißt, dem einzig wahren Ziel unserer Sportart. Denn angeblich geht es erst unter den fünf Ringen richtig los. Dann kommen die Medien und die Zuschauer (also Reichweite) und mit ihnen die Sponsoren und die Förderer (also Geld). Stimmt zum Großteil auch. Die Sache hat nur drei kleine Haken.

Erstens. Olympia ist noch Lichtjahre entfernt. Tut weh, ist aber so. Die Winterspiele (ohne Schnee oder Eis) scheiden per Definition aus und die Sommerspiele sind ein Verdrängungswettbewerb. Trotz aller guten (oder zumindest gut gemeinten) Entwicklungsarbeit der IFF und ihrer Vergabe von Mitgliedertiteln im Akkord werden traditionelle Mannschaftssportarten wie Handball, Volleyball, Basketball und natürlich Fußball noch Jahrezehnte lang uneinholbar bleiben. In greifbarer Nähe humpelt lediglich das sportpolitisch verkrustete Feldhockey. Möchte man es sich einfacher machen, könnte Floorball vielleicht Rugby nachahmen und sich so weit verbiegen, dass es sich selbst nicht widererkennt.

Zweitens. Um also doch in einer weit entfernten Zukunft (in der glubschäugige Roboter meinen Kaffee kochen und ich mit einem Jetpack zum Training fliege) ins Olympische Programm zu stolpern, wird Floorball sein Format anpassen müssen. Um dem verfügbaren Spielerkontingent und dem straffen Zeitplan zu genügen, durften die Nationalmannschaften zu den World Games nur mit zwölf Feldspielern und zwei Torhütern anreisen. Die Spiele dauerten 3 x 15 Minuten und am Freitag gab es sogar zwei davon an einem Tag. Auch das Spielfeld sollte verkleinert werden, was sich aber noch hatte vermeiden lassen. Auf eine Damen-Konkurrenz wurde vollends verzichtet.

Nun ist das alles halb so schlimm. Sogar die launischen „Starspieler“ taten so als wären die World Games sportlich mehr als nur ein hübsches Sommerturnierchen. Das Finale zwischen Schweden und der Schweiz sahen vor Ort 900 Zuschauer und alle Beteiligten dürften ganz zufrieden sein. Die Aufnahme ins Olympische Programm wird aber eine ganz andere Flexibilität erfordern. Sportlich, organisatorisch, moralisch. Die Kollegen von florbal.cz halten es sogar für wahrscheinlich, dass eine Kleinfeld-Variante (ähnlich dem 7er-Rugby) wesentlich bessere Chancen hätte. Optimal noch unter freiem Himmel ausgetragen.

Drittens. Sagen wir mal, es gelingt Floorball tatsächlich, wie durch ein Wunder, bei den Olympischen Spielen aufgenommen zu werden (vielleicht wird die Führungsriege des Volleyball-Weltverbandes als Papagei-Schmuggler-Ring enttarnt oder der FIFA wird systematische Korruption nachgewiesen… hmm… schlechtes Beispiel). Sind wir dann noch wir? Die Sportart wird sich bis dahin bis zum Brechen verbogen haben, „unsere“ Funktionäre werden im selben dampfenden und stinkenden sportpolitischen Sumpf baden wie Herr Bach und alle anderen Potentaten des IOC. Floorball 2040.

Besser sein als die anderen.

Solange Sport1 Kanupolo dem Floorball-Finale vorzieht, scheint diese Situation noch weit entfernt zu sein. Außerdem würde der IFF, ebenso wie ihren Mitgliederverbänden und deren Vereinen (übrigens inklusive der deutschen), etwas Veränderungen ganz gut stehen. Man sollte anders sein als die rostige Handball-Konkurrenz, bunter, lustiger, lauter, ironischer… vor allem aber wenidiger, flexibler und entscheidungsfreudiger. Die Natur des Sports, sein Anspruch von den Fehlern anderer gelernt zu haben, sollte dabei aber nicht verloren gehen.

Dasselbe gilt für uns als Vereine, mit unseren Logos, frisch, clean und glossy. Wir müssen uns anpassen, uns aufpeppen und strahlen, unter Umständen mehr als uns lieb ist. Passt schon. Denn nur so können wir auf uns aufmerksam machen, nur so kommen wir an Hallen und an Geld, nur so können wir unverzichtbare Kräfte für ihre Arbeit entlohnen und die Kosten für Mitglieder aufs Nötigste senken, so veranstalten wie Spiele und Events, sammeln Erfahrungen und Erinnerungen. Aber nichts ist umsonst. Und den Preis dafür sollten wir nie aus den Augen verlieren.

Bei BAT Berlin ist Jan Kratochvil Spielertrainer der Bundesliga-Mannschaft und als Marketing-Leiter Herrscher über Form und Farbe. Aufgrund zahlreicher Zungenfrakturen wurde sein Nachname für den Titel dieses Blogs ins Deutsche übersetzt.

Foto: IFF / Martin Flousek